ONUR ABACI
Philipp Raulfs, Landrat Landkreis Gifhorn
Moritz Simon, Kurator und Autor
Onur Abaci zeigt in seiner Stipendien-Abschluss-Ausstellung neue Arbeiten aus seiner aktuellen Werkreihe Bergtürke, in der er sich mit kultureller Entwurzelung, kollektiver Erinnerung und der Fragilität von Zugehörigkeit auseinandersetzt. Der Titel verweist auf einen Ethnophaulismus, der im Zuge der Gründung des türkischen Nationalstaats zur Bezeichnung und Abwertung insbesondere von Kurd, Êzîden und Armenier verwendet wurde. Damit verbunden waren Prozesse der Homogenisierung, der Verdrängung und der Negierung eigenständiger Identitäten.
Seine Arbeiten beziehen sich auf konkrete Orte im Südosten der Türkei, die einst Heimat einer kurdisch-jesidischen Bevölkerung und auch seiner Familie waren und durch politische Marginalisierung, Vertreibung und die Zerstörung von Infrastruktur weitgehend ausgelöscht wurden. Diese Leerstellen werden in Form einer visuellen Erinnerungstopografie verhandelt: Exakte Koordinaten verbinden Fotografien oder gefundene Objekte mit den jeweiligen Orten.
Ornamentale Kästen aus Glas und Nussbaumholz zeigen und verbergen diese Fragmente zugleich. Das Holz verweist sowohl auf die Flora der Region als auch auf die Bedeutung heiliger Bäume in der êzîdischen Kultur. Die handgefertigten Ornamente greifen zudem die Formensprache von Reliquiaren und Altären auf.
Im Inneren befinden sich jedoch keine religiösen Reliquien, sondern Ruinen und ein stark verwittertes Stück Stoff – Spuren eines vergangenen Alltags, deren Bedeutung sich erst im Kontext von Erinnerung erschließt. Bergtürke versteht Erinnerung dabei als fragmentarischen Prozess: Die Arbeiten rekonstruieren die Vergangenheit nicht, sondern rufen ihre Spuren auf, ohne sie nostalgisch zu verklären oder zu einer geschlossenen Geschichte zu formen. Kultur erscheint vielmehr als etwas, das dort neu imaginiert werden muss, wo ihre Weitergabe gewaltsam unterbrochen wurde.

